Projektbeschreibung

In empirischen Studien wurden wiederholt Inkonsistenzen zwischen den Einstellungen der Internetnutzenden zu Privatheit und ihrem Privatheitsverhalten im Internet festgestellt. Obwohl die Nutzenden Bedenken hinsichtlich der Angabe persönlicher Daten im Internet äußern, teilen sie dennoch persönliche und intime Details über sich und andere in verschiedenen Onlineanwendungen.

Dies lässt sich möglicherweise damit erklären, dass Menschen, die um ihre Privatsphäre im Internet besorgt sind, sich gern auch entsprechend verhalten würden. Fehlt ihnen jedoch die dafür notwendige Online-Privatheitskompetenz, sind sie nicht in der Lage, ihren Einstellungen und Bedürfnissen gemäß zu handeln. Dieser Argumentation folgend wollen wir untersuchen, welche Rolle Online-Privatheitskompetenz für die Umsetzung von Privatsphäre- und Datenschutzstrategien spielt. Dafür benötigen wir ein objektives und validiertes Messinstrument zum Erfassen der Online-Privatheitskompetenz.


Schritt 1: Literaturüberblick und Theorieentwicklung

Mit dem Ziele Online-Privatheitskompetenz künftig als Konzept in der empirischen Forschung einsetzen zu können, entwickelten wir in einem ersten Schritt 113 Wissensfragen zu Privatheit im Internet. Die Fragen wurden abgeleitet aus einer erschöpfenden Inhaltsanalyse von Forschungsartikeln zu Privatheitskompetenz und einer eingehenden Inhaltsanalyse von Quellen, die unterschiedliche Aspekte von Onlineprivatheit behandeln (u.a. Privatsphärebestimmungen von Onlineanbietern, Gesetzestexte, EU-Dokumente). Die Items ließen sich ursprünglich fünf Dimensionen von Online-Privatheitskompetenz zuordnen: (1) Wissen über Praktiken von Institutionen und Online-Dienstanbieter, (2) Wissen über technische Aspekte des Datenschutzes, (3) Wissen über deutsches Datenschutzrecht, (4) Wissen über europäisches Datenschutzrecht und (5) Wissen über Datenschutzstrategien.
Dieser erste Schritt der Entwicklung der Online-Privatheitskompetenzskala wurde in einem Lehrforschungsseminar im Rahmen des "Humboldt-Reloaded-Projektes" an der Universität Hohenheim umgesetzt und wie folgt publiziert:

Trepte, S., Teutsch, D., Masur, P. K., Eicher, C., Fischer, M., Hennhöfer, A., Lind, F. (2015). Do people know about privacy and data protection strategies? Towards the "Online Privacy Literacy Scale" (OPLIS). In S. Gutwirth, R. Leenes & P. de Hert (Eds.). Reforming European Data Protection Law (pp. 333-365). Springer: Netherlands. doi:10.1007/978-94-017-9385-8 [Link]




Schritt 2: Empirische Entwicklung und Validierung

Das Ziel des zweiten Schritts war es, die 113 Wissensfragen zu einer umfassenden und zugleich sparsamen Online-Privatheitskompetenzskala zu reduzieren. Von diesem Itempool ausgehend haben wir drei aufeinander aufbauende Studien durchgeführt, in denen wir die Passung der Items mit dem angenommenen theoretischen Modell überprüften. Wir maßen alle fünf Dimensionen, die wir auf Basis der Inhaltsanalyse identifiziert hatten. Die Analysen zeigten jedoch, dass die beiden rechtlichen Dimensionen 3 und 4 nicht distinkt sind.

Die finale Skala besteht daher aus vier Dimensionen und umfasst 20 Wissensfragen (fünf pro Dimension). Die psychometrische Qualität der Skala wurde anhand von Strukturgleichungsmodellen überprüft. Die Ergebnisse zeigen, dass das multidimensionale Konzept der Online-Privatheitskompetenz von den empirischen Daten gestützt wird. Wir identifizierten zudem einen starken Globalfaktor, der die meiste Varianz der Items erklärt. Wir schlagen daher vor, Online-Privatheitskompetenz als Bi-Faktor-Modell zu schätzen, welches sowohl der globalen Varianz als auch der domänenspezifischen Varianz Rechnung trägt (e.g. Reise, 2012). Das Modell wurde mit einer Quotenstichprobe validiert, die der Struktur der deutschen Internetnutzenden entspricht (N = 1.932). Es zeigt sich, dass der Globalfaktor verschiedene Typen von Datenschutzverhaltensweisen vorhersagt. Die Ergebnisse dieser Studien werden in der Fachzeitschrift Diagnostica publiziert:

Masur, P. K., Teutsch, D. & Trepte, S. (2017). Entwicklung und Validierung der Online-Privatheitskompetenzskala (OPLIS). Diagnostica. doi:10.1026/0012-1924/a000179 [Preprint]